„Manchmal denke ich, die Depressionen sollte die Krankheit des Zurechtkommens genannt werden“

veröffentlicht in Kolumne Persönliches am 26. Juli 2016

Seit gestern diskutiert das Internet wieder zum Thema Suizid und Depressionen. Gestern hat sich Blogger Johannes Korten dazu entschieden, dem Leben selbst ein Ende zu setzen und damit Frieden zu finden, weil er es anders nicht ausgehalten hat. Und das Internet diskutiert und jeder macht sich seine eigene Meinung und hält sie für die richtige. Ich auch. Ich möchte heute meine Gedanken dazu preisgeben. Aus Sicht einer Person mit Depressionen und aus Sicht einer Person, die selbst schon einmal kurz davor war, allem ein Ende zu setzen.


Ich finde es fast schon ein bisschen amüsant, wie alle laut schreien „Hat er nicht an seine Kinder und Familie gedacht?“ oder „Die Mitmenschen leiden viel mehr darunter“. Ich möchte das nicht klein reden. Ein Suizid ist für die Hinterbliebenen mit Sicherheit das schlimmste. Auch ich habe bereits jemanden verabschiedet, für den es die richtige Entscheidung war, das Leben zu beenden. Man ist hilflos, man macht sich selbst Vorwürfe und fragt sich, was schief gelaufen ist. Nichts. Gar nichts. Man ist nicht Schuld. Ich sage es so oft, doch es trifft so oft auf taube Ohren: Depressionen sind eine Krankheit. So, wie Krebs eine ist. So, wie Grippe eine ist. Mit dem Unterschied, dass vieles im Kopf passiert. Dass Synapsen nicht richtig verknüpft werden. Eine Verletzung im Kopf. Es ist wie ein Unfall, den niemand hat kommen sehen. Und Unfälle und Krankheiten können tödlich ausgehen. Man wünscht es niemandem, aber so ist es nun mal. Und deswegen machen mich all diese Diskussionen auch so wütend, traurig und gleichzeitig amüsieren sie mich. Für Depressive ist das Problem nicht der Tod. Das Problem ist das Leben. Es ist auch nicht das Bedürfnis, zu sterben sondern vielmehr der Wunsch, nicht weiterzuleben. Weil es quält. Weil es manchmal so sehr quält, dass es nicht nur psychisch sondern auch physisch schmerzt und man das Gefühl hat, ein Messer in den Bauch gerammt zu bekommen. Ich kann nicht sagen, was Johannes gedacht hat und ich möchte es mir auch nicht anmaßen, aber ich möchte aus meiner Sicht schildern, was mir damals durch den Kopf gegangen ist.

Ich habe an nichts anderes gedacht als an meine Familie. Ich habe an nichts anderes gedacht als an meine Mitmenschen. Ich habe mir sogar Gedanken gemacht, wie ich es ihnen einfacher machen kann. Ich habe sogar Züge meiner eigenen Beerdigung geplant, nur um meinen Eltern etwas Last von den Schultern zu nehmen. Denn so sehr ich selbst mich aufgegeben hatte, so sehr habe ich versucht, für meine Mitmenschen zu kämpfen. Ich habe mir nie etwas angetan. Ich war kurz davor. Und ich weiß nicht, wie weit ich gegangen wäre, hätten mich meine Freunde nicht „in Sicherheit“ gebracht. Aber ich wollte es. Ich wollte es so sehr. Ich bin da sehr rational: einen Sinn habe ich im Leben noch nie gesehen. Versteht mich nicht falsch, aber wir leben und wir sterben. Ich erkenne dahinter das Konzept nicht. Ich mache es mit, so ist es nicht, aber wenn das Ziel das Sterben ist, wieso wird einem dann suggeriert, dass man nicht selbst an das Ziel gelangen darf?
Ich habe das „in Sicherheit“ bewusst in Anführungszeichen gesetzt. Ich kam damals für eine Nacht in die geschlossene psychiatrische Abteilung des Klinikums. Und es war für mich die Hölle. Es war für mich schlimmer als alles, was ich durch die Depressionen kannte. Schlimmer als jegliche Zusammenbrüche, als Enttäuschungen und dem Wunsch, das Leben zu beenden. Ich habe mich noch nie so unwohl gefühlt. Und das ist die Sicherheit? Ich hatte noch lange danach das Bild im Kopf, wie meine Eltern und mein bester Freund die Station verlassen, ich alleine im Flur stehe und die Tür ins Schloss fällt. Wie ich alleine zurück bleibe. Und mir ging oft nur ein Gedanke durch den Kopf: das Leben bietet mir keine Sicherheit. Im Gegenteil, denn es verunsichert mich noch mehr. Es belastet mich so sehr, dass ich dem Ganzen ein Ende setzen wollte. Man wird in der Klinik vor sich selbst geschützt, es wird einem gesagt, dass es das Beste sei. Aber wie kann jemand fremdes sagen, dass es besser sei, zu leben, wenn man mehr Schutz im Tod sieht. Weil das Leben eine Qual ist und Schmerzen bereitet. Wie?!

Ich habe zwar Depressionen, aber ich bin nicht verrückt. Ich habe eine psychische Krankheit, aber ich bin durchaus in der Lage eigene Entscheidungen zu treffen und diese gründlich zu hinterfragen. Ich habe eine Krankheit, wie viele andere es sind. Eine Krankheit, an der man genauso sterben kann wie an anderen Krankheiten – nur auf andere Art und Weise. Was ich sagen möchte: fragte nicht, was er sich dabei gedacht hat. Fragt nicht, wie er so etwas tun konnte. Macht ihm vor allem keine Vorwürfe! Versteht ihn. Liebe Gesellschaft, lern endlich damit zu leben, dass es Menschen gibt, die nur wenig Freude am Leben haben. Liebe Gesellschaft, versteh endlich, dass Depressionen kein Trend ist. Depressionen sind verdammt nochmal ernst zu nehmen! Achtet auf eure Umwelt und seid da, wenn jemand um Hilfe ruft. Erkennt Zeichen und handelt. Fragt nach. Und lasst endlich diese „Wie geht’s dir?“-Floskel, wenn es euch eigentlich gar nicht interessiert, wenn es jemandem schlecht geht.

Ich bin so jemand, wenn mich jemand fragt, wie es mir geht und es mir nicht gut geht, dann sage ich dies. Ihr glaubt gar nicht, in wie viele verdutzte Gesichter ich schon geguckt habe. So what?! Jedem geht es mal schlecht und mir geht es nun mal ein bisschen schlechter. Ja, anderen geht es vielleicht noch schlechter. Andere haben vielleicht kein Dach über dem Kopf oder kaum Essen. Ja! Das weiß ich auch sehr gut. So what?! Darf ich deswegen keine Probleme haben? Ich habe meine eigene persönliche Hölle, in der ich es mir manchmal gemütlich mache. Ich habe die Wände gestrichen und eine Couch aufgestellt, um es ein bisschen bequemer zu haben. Aber das ist MEINE Depression. Und der Schmerz verlangt gespürt zu werden. Get over it!

PS: Ich möchte an dieser Stelle feststellen, dass es mir zur Zeit „gut“ geht. Dass ich dem Leben ein Ende setzen wollte, ist nun fast ein dreiviertel Jahr her. Seitdem nehme ich Medikamente und bin in Behandlung. Aber ich bereue nicht einen einzigen Gedanken daran. Lernt, die Leute zu verstehen, statt sie zu verurteilen.

(Die Überschrift ist ein Zitat aus dem Buch „Die Monster, die Hoffnung und ich: Wie ich meine Depressionen besiegte“ von Sally Brampton)

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4 Kommentare

  • Antworten Anja 27. Juli 2016 um 00:19

    Danke. Für diesen Text! Ich habe zwar keine schwere Depression und war nie an dem Punkt an dem du warst, aber es sollte mehr Menschen geben die dazu stehen und es sollte mehr Texte geben die Depressionen „erklären“. Dass es mehr braucht als ein „ach komm stell dich nicht so an“ und „sei doch nicht traurig“ um aus dem Kreislauf rauszukommen…

  • Antworten Limalisoy 29. Juli 2016 um 00:11

    Dein Text klärt auf und ich hoffe, dass du auch weiterhin so viel Kraft hast, deine schlechten Tage zu überstehen.
    Aufklärung ist wichtig, deswegen habe ich mich dem Projekt „Gib Depressionen ein Gesicht“ angeschlossen. In meinem eigenen Blog schreibe ich u.a. auch über meine Erfahrungen mit Depression und ja, ich stand auch an diesem Punkt und hätte meine Kinder zurück gelassen. Ich bin aber froh, dass ich im letzten Moment einen Rückzieher gemacht und einen langen Kampf gegen die Krankheit aufgenommen habe. Als Mutter kleiner Kinder nicht immer einfach, in jedem Fall aber lohnenswert.
    Ganz liebe Grüße, Kraft und viele gute Tage für dich,
    Yvonne

  • Antworten Susanne 18. Oktober 2016 um 12:29

    Toller Text! Vielen Dank!! Selbst als Betroffene denke ich manchmal abwertend und mache mich fertig, dass ich mich ja “nur mal zusammenreissen müsste und dass es anderen noch viel schlechter geht..“ Da tut so ein Beitrag einfach mal gut, um die Gedanken klarer zu kriegen.

  • Antworten Sab 12. Februar 2017 um 12:17

    Hallo! Ich bin zufällig auf deinenText gestoßen, weil ich eigentlich nach Details zu Sally Bramptons Tod letztes Jahr gegoogelt habe.
    Super Text, ehrlich. Ich stand selbst schon nah am Abgrund, doch habe glücklicherweise noch „die Kurve“ bekommen. Deine Worte tun gut, denn sie zeigen auf, wie man sich als depressiver Mensch fühlt und denkt und sorgen dafür, dass man sich verstanden fühlt. Denn das ist doch eines der wichtigsten Dinge beim Kampf gegen die Depressionen – dass man sich verstanden und ernst genommen fühlt. Hoffentlich erreichen deine Worte ein paar Menschen, die diese Krankheit nicht haben und es bisher nicht verstehen können.
    Ich wünsche dir alles Gute!
    Liebe Grüße, Sab

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