Von dem Wunsch, weit weg zu sein

veröffentlicht in Kolumne Persönliches am 25. Juni 2017

Ich kämpfe nun seit vier Jahren gegen die Depressionen. Vier Jahre, in denen ich das ein oder andere Tief mitgemacht habe, vier Jahre, in denen mich viele Menschen durch gute und sehr schlechte Zeiten begleitet haben. In der gesamten Zeit hatte ich recht wenige Konstanten. Es ging auf und ab. Auch die Menschen haben gewechselt, meine Lebensumstände, meine Berufe, mein Gewicht. Eigentlich alles. Es gab nur eine Konstante, die mich nie verlassen hat: ein Wunsch. Ein kleiner Traum. Ein Hirngespinst. Wenn es mir schlecht geht, habe ich den Wunsch, zu flüchten und mal wieder zur Ruhe zu kommen. Dann möchte ich einfach nur weg. Immer in eine Richtung. Immer Richtung Norden. Schon seit meiner Jugend fasziniert mich Skandinavien, doch ich war nie dort. In meinem Kopf hat sich eine kleine Traumwelt erschaffen. Und so stelle ich es mir vor …

Meinen Rucksack habe ich schon gestern gepackt. Ein prall gefüllter Treckingrucksack, in dem nur das wichtigste drin ist. Dazu mein Lieblingskissen und Joey. Joey ist mein Plüschkoala, der mich bis jetzt auf jede Reise begleitet hat. Eine weitere Konstante seit 2013. Ich nehme meinen Rucksack und schaue zurück. Das Zimmer habe ich zuvor extra noch sauber gemacht, um nicht irgendwann zurück zu kommen und die Arbeit auf dem ersten Blick zu sehen. Das Bett ist neu bezogen und der Boden gesaugt und gewischt. Ich schultere den Rucksack auf, greife mir meine weiteren Sachen, stecke mein Handy in die Tasche und schließe die Tür hinter mir. Nachdem ich mein Gepäck im Auto verstaut habe, schalte ich den Flugmodus meines Handys an. Ich möchte einfach einmal weg, auch von der ständigen Erreichbarkeit möchte ich mich eine Zeit lang verabschieden – ein bisschen Luxus in der heutigen Welt. Ein Navi brauche ich nicht. Von Bremerhaven aus geht es über die A27 und die A1 Richtung Norden. Weiter über die A7 Richtung Kiel. Dort fahre ich auf die Fähre. Ich bin noch nie mit einer so großen Fähre gefahren, aber ich hoffe, es schaukelt nicht so sehr wie das Boot nach Helgoland. Das Auto wird im Rumpf geparkt, mein Gepäck werfe ich in die Kabine und ich mache es mir an Deck gemütlich. Ich blicke aufs Land, umgeben von all dem Wasser und atme tief durch. Ich bin auf dem Weg. Ich bin weg.

Göteburg. Ich bin ausgeschlafen. Die Zeit auf dem Schiff verging über Nacht wie im Flug. Ich freue mich auf die Fahrt über die elendig langen Straßen. Autofahren ist für mich Entspannung. Ich schalte das Radio an. Die schwedischen Ansagen verstehe ich nicht, aber es läuft gute Musik. Ich fahre los. Und ich fahre. Ich fahre und fahre, immer weiter Richtung Norden. Mittlerweile habe ich ein Ziel. Ich habe meine Karten auf dem Handy offline geschaltet und tippe die Adresse meiner ersten Ferienhütte ein. Ich habe zwar auch ein Zelt dabei, wenn ich den weiten Weg einmal nicht schaffe, aber für die ersten Nächte habe ich mir eine kleine Hütte im Nirgendwo herausgesucht. Direkt vor der Tür ist ein großer See. Die Zeit vergeht wie im Flug und ich genieße es, an einigen Stellen des Landes ganz für mich alleine zu sein. Unerreichbar und frei. Die Straßen sind zum Teil leer und hin und wieder steht ein neugieriges Tier am Straßenrand. Hier und da halte ich an und atme durch. Die Luft riecht nach Natur, ich rieche das Moos der Wälder und die blühenden Blumen. Mir läuft eine kleine Träne über die Wange und ich begreife, dass ich endlich Zeit für mich habe. Zeit, mich zu finden und mich zu behalten. Ich selbst zu sein.

Ich komme am Haus an. Der Schlüssel liegt am vereinbarten Versteck und ich schließe die Tür auf. Es riecht nach Holz. Die Räume sind spartanisch eingerichtet, aber es ist alles da, was man braucht. Ein Bett mit weicher Bettwäsche, eine kleine Küchenzeile und ein Sessel neben einem kleinen Kamin. Eine große Fensterfront zeigt auf den See, der nur wenige Meter entfernt liegt. Man sieht den ein oder anderen Vogel über das Wasser schweben und einige Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch die Äste der verzweigten Bäume. Es hatte bis jetzt geregnet, doch es scheint, als wolle das Wetter mir sagen: „Es reicht. Du bist angekommen. Lass uns eine schöne Zeit haben und das Leben genießen!“ und es stimmt. Ich bin angekommen! Ich bin endlich weit weg. Ich musste gehen, um zu mir zu finden. Ich ziehe die Schuhe aus, lasse alles von mir fallen und laufe barfuß über die Wiese auf den See zu. Und ich schreie. Ich schreie alles aus mir heraus und weine. Ich lasse alle aufgestaute Energie, Wut und Traurigkeit aus mir heraus. Ich lasse mich einfach fallen. Und ich sacke zusammen in Mitten der Natur. Weit weg von allem, was mich aufgehalten hat. Mir laufen dicke Tränen über die Wangen und ich lächle dabei. Weil ich es geschafft habe. Weil ich bis hierhin gekommen bin und nicht vorher aufgegeben habe. Weil ich am Leben bin.

Und jetzt sitze ich hier in meinem Zimmer am Laptop und ich weine. Ich weine bitterlich, weil ich weiß, dass das alles ein großer Traum ist. Zum jetzigen Zeitpunkt kaum zu erfüllen. Geldlich und weil ich noch so jung bin – ein Auto kann ich mir noch nicht leihen. Ich weine, weil ich hier so gerne weg würde. Ich liebe diese Stadt, aber ich brauche einen Tapetenwechsel. Ich möchte einfach nur weg. Ich will am liebsten einfach loslaufen, aber ich würde nie soweit kommen. Ich würde mich am liebsten in den nächsten Bus setzen, aber nichts würde mich so weit bringen, wie ich gerne fahren würde. Ich würde gerne einfach weit weg sein. Ich träume seit Jahren davon, wenn es mir schlecht geht. Und das passierte leider sehr oft. Und jedes Mal komme ich an einen Punkt, an dem ich nicht mehr weiß, ob ich weine, weil es mir schlecht geht oder weil das Fernweh und dieser Gedanke mich überkommt. Dieser einfache, so weit entfernte Gedanke, der mich nun schon so lange begleitet.

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1 Kommentar

  • Antworten Michi Bär 25. Juni 2017 um 21:21

    So ging es mir die letzten Wochen auch 😉
    Genau die selbe Vorstellung 😀

    Leider kann ich dir mein Auto nicht leihen, aber ich fahre dich gerne irgendwo hin 😀

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