Ich versuche diese Sache mit der Kolumne nochmal: Selbstakzeptanz und warum es nicht wichtig ist, sich zu lieben

veröffentlicht in Kolumne Persönliches am 5. Januar 2015

Ich war mein ganzes Leben lang dick und man mag meinen, dass man sich mit der Zeit an diesen Zustand gewöhnt. Aber es war mein ganzes Leben nichts anderes als ein Zustand. Ein Zustand, für den man schräg angeschaut wurde, für den man gehänselt und angespuckt wurde. Man? Ich. Aber ich bin mir sicher, dass es auch anderen so ging und vielleicht noch so geht. Wenn man von der, durch die Gesellschaft festgelegten, Norm abweicht, ist es nicht einfach, akzeptiert zu werden. Aber vor allem ist es nicht einfach, sich selbst zu akzeptieren. Ich fing früh an, mich gegen die fiesen Sprüche zu wehen, futterte mir regelrecht ein noch dickeres Fell an und gab vor, selbstbewusst zu sein. Jetzt im Nachhinein kann ich sagen, dass ich daran vielleicht zerbrochen bin, denn nichts hinterlässt so viele Wunden wie vorzugeben, jemand zu sein, der man in Wahrheit gar nicht ist, aber gerne wäre.
In den Jahren, in denen ich stark gemobbt wurde, habe ich richtig gut Konter gegeben. Ich habe mir nichts anmerken lassen. Habe über die Bemerkungen gelacht. Ich war immer ein starkes Mädchen und ich kann mich noch so sehr gut daran erinnern, dass mir sogar vorgeworfen wurde, ich hätte zu viel Selbstbewusstsein. Doch irgendwann kommt es in jedem Leben zu einem Punkt, der das Fass zum Überlaufen bringt und der die Fassade bröckeln lässt. Dieser kam bei mir nach der Schulzeit, in dem Jahr, in dem mich plötzlich nicht nur Mitschüler sondern auch außen stehende Personen persönlich schwach machten. Und ich begann zu realisieren, dass dieses selbstbewusste Mädchen, das alle immer und schon seit meiner Kindheit in mir sahen, nie existiert hat. Und das tut es bis heute nicht, aber ich habe gelernt, mit mir zu leben. Und ich habe angefangen, an mir zu arbeiten und den Menschen keinen Grund mehr zu geben, mich zu mobben. Ich habe mit Weight Watchers angefangen und mittlerweile 14 Kilo abgenommen. Vielleicht bin ich noch immer auf dem Weg, aus diesem Loch hinaus zu kommen. Aber vom Boden bis hierher, habe ich einiges an Gewicht verloren und an Erfahrungen hinzu gewonnen.
Mit jedem weiteren Kilo, das ich verlor, sprachen die Menschen mich darauf an, lobten meine Figur und meinen Erfolg und mit jedem Blick in den Spiegel fragte ich mich, was diese Personen in mir sehen. Ich griff noch immer zu den größten Kleidungsgrößen, dabei passten diese mir schon lange nicht mehr, aber so sah ich mich: dick, denn das war ich doch schon immer, richtig? Es dauerte etwas, aber vor einigen Monaten begriff ich, dass es gar nicht so sehr darum geht, was ich war, sondern was ich bin und sein werde. Mit meinem Umzug nach Bremerhaven hat sich so vieles geändert und auch meine eigene Sicht auf meinen Körper. Was mich besonders stark gemacht hat, war die Zahl auf der Waage, die nicht mehr bei um die 85 sondern bei unter 75 lag. Ich war der 50 plötzlich näher als der 100. Und diese Zahlen übertrug ich auf meinen Körper und plötzlich fühlte ich mich wohl. Ich probierte Kleidung in M an, einige Shirts sogar in S und wisst ihr was? Sie passten! Es waren kleine Momente, in denen ich mich im Spiegel sah und rundum zufrieden war. Und mit der Zeit häuften sich diese Momente. Und heute kann ich sagen: ich habe mich akzeptiert. Das bedeutet nicht, dass ich zufrieden bin, aber ich akzeptiere ihn. Wir arrangieren uns sozusagen. Und in dem ein oder anderen Moment finde ich mich sogar ziemlich schön.
Was ich sagen möchte: es geht nicht darum, dass man seinen Körper liebt und dass andere einen schön finden, das tuen sie meistens noch bevor man selbst sich so sieht, aber es geht darum, sich nicht zu hassen sondern zu akzeptieren. Denn es ist zwar hilfreich, wenn andere Menschen einen äußerlich schön finden, aber es ist nicht das Wichtigste.

Ich hoffe, es war nicht zu verwirrend für euch und ihr konntet verstehen, worauf ich hinaus wollte. Selbstakzeptanz ist ein wichtiges Thema in meinem Leben, an dem ich immer wieder mal arbeite. Und da ich weiß, dass mein Kommilitone diesen Text vielleicht liest: ja, ich akzeptiere mich auch als Foodblogger, obwohl ich noch nie Käse-Spätzle gegessen habe. Und damit wünsche ich euch einen schönen Start in die Woche.

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9 Kommentare

  • Antworten Aillbe 5. Januar 2015 um 09:04

    Ich kenne nur zu gut, was du da beschreibst. Als Kind/Jugendliche war ich auch etwas moppelig und wurde immer dafür gehänselt, in einer solchen Situation mit sich selbst klar zu kommen, ist nicht einfach. Darunter hat mein Selbstbewusstsein auch sehr gelitten. Inzwischen habe ich über die Jahre gut 10kg abgenommen und habe nun mein Wunschgewicht, aber vergessen werde ich die Hänselei von damals nie. Traurig, dass unsere Gesellschaft alles, was nicht "die Norm" ist so sehr abstößt.
    Ich finde es schön zu lesen, wie du mit dem Thema umgehst. Mach weiter so. 🙂

    LG
    Aillbe

  • Antworten Juana Herbst 5. Januar 2015 um 16:56

    Aalso ich bin normalerweise nicht der Kommentierer, sondern mehr der stille Beobachter, aber unter diesem Post muss ich mich mal melden, denn mir ging/ geht es genauso. Ich war auch immer eines dieser Mädchen, die etwas molliger sind und grade habe ich die Phase durch, in der alles zusammen bricht, die starke Fassade plötzlich weg ist und man jeden Moment losheulen könnte. Ich stehe immer wieder kurz vor der Diabetes, nehme 10 kg ab, dann wieder 7 zu und so weiter. Dein Post hat mir Mut gemacht, dass man es schaffen kann und ich werde alles geben, das beste aus meinem Leben zu machen. Das neue Jahr bietet einem da so viele schöne Möglichkeiten, man kann anfangen, täglich Sport zu machen und bis jetzt klappt das ganz gut. Wollte ich nur mal sagen. Du machst mir Mut.
    Liebe Grüße, Juana.

  • Antworten Sonja 5. Januar 2015 um 17:14

    Für mich bist du ein STARKES Mädchen, denn es gehört viel Mut und doch etwas Selbstbewusstsein dazu, um so offen darüber zu sprechen!
    Hab dich lieb <3

  • Antworten Anonym 5. Januar 2015 um 19:13

    Es ist schön die äußere Veränderung zu beobachten, aber noch schöner ist es zu sehen, wie Deine innere Stärke und Selbstakzeptanz wächst. Du bist auf einem guten Weg. Bin mächtig Stolz auf Dich und Deinen Blog. Im Herzen bin ich nah bei Dir. Flecki62

  • Antworten Anonym 5. Januar 2015 um 22:02

    Ich bin zutiefst geführt von deinen Zeilen!

    Liebe Grüße

    Julia ( http://www.food-with-love-by-julia.blogspot.de)

  • Antworten Jannis 6. Januar 2015 um 15:46

    Hey,
    toll wie offen du darüber schreibst!
    Ich hoffe, viele weitere folgen deinem Beispiel. Dein Leben gehört dir!

    LG Jannis

  • Antworten Sarah Maria 8. Januar 2015 um 12:43

    Ich finde es schön, dass du nicht nur deinen Weg gefunden hast, dich zu akzeptieren, sondern auch noch so offen darüber schreiben kannst. Da gehört wirklich einiges an Mut dazu. <3

  • Antworten Evy 9. Januar 2015 um 23:24

    Ich glaube, die Leute lieben die Arbeit, die du investiert hast. Du hast viel geleistet, um dich in die Gesellschaft zu integrieren und das gefällt 🙂

    Rein hypothetisch: Was würdest du machen, wenn dich die Leute in Größe S ärgern würden, weil sie dich entweder zu dick oder zu dünn finden?

    Ich glaube, es spiel sovieles eine Rolle. Vorbilder. Schuldgefühle…

    Ich hab meinern Körper akzeptiert, wie er ist – nur meine Umwelt mochte das nicht 😛 Das war auch doof xD

  • Antworten Conja 18. Januar 2015 um 20:43

    Ich kann vieles von dem was du schreibst so gut nachvollziehen… ich war auch immer dick und tatsächlich waren die Zeiten zu denen ich 85kg wog noch die, wo ich "schlank" war.
    Und ich denke auch schon längst dieser ganze "man muss sich so lieben, wie man ist"-Unfug ist Schwachsinn. Wie du sagst: wichtig ist nicht, dass man sich liebt, sondern dass man sich nicht hasst. Dass man mit sich als Gesamtpaket so klarkommt, dass man die Kraft hat das eine oder andere zu ändern oder zu akzeptieren.
    Ich war immer und bin dick, aber deswegen ist ja nicht alles an mir hässlich. Und wäre ich dünn, wäre nicht alles an mir schön. So ist das halt, damit muss ich leben. Ich kann abnehmen, aber ich kann nicht verhindern, dass ich Falten kriege oder relativ kurze Beine habe. Dafür habe ich ein hübsches Gesicht (sagt mein Freund), richtig toll feste Nägel und schöne Haare.
    Und ich hab meinen Freund in einem Moment kennengelernt in dem ich gewichtsmäßig auf meinem persönlichen Höhepunkt war, keinen Job hatte und gerade dabei war, aus einem ziemlich tiefen Loch zu krabbeln. Ich hab mich damals bestimmt nicht geliebt. Ich hab mich eben nicht gehasst. Und ich habe offen eingestanden, dass ich mich nicht perfekt finde, aber eben okay. Mit dieser Ehrlichkeit erreicht man eben doch am meisten, weil man dann wenigstens man selbst sein kann, mit Fehlern.

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