Die Blockade im Kopf

veröffentlicht in Uncategorized am 13. Juli 2014

Seit zwei Monaten nutze ich nun Weight Watchers – mal mehr und mal weniger – und mittlerweile wurde ich schon mehrfach angesprochen. Man sagt mir, ich sei schmaler geworden, dass man das sehe. Und ich gebe zu: das macht mich ein wenig traurig, aber auch ein wenig wahnsinnig, denn ich sehe es nicht. Aber holen wir mal ganz weit aus.

Anfang Januar / Ende Januar / Februar

Ich war noch nie dünn. Im Gegensatz! Seit meiner Kindheit bin ich dick. Ich kann mich nicht daran erinnern, je Normalgewicht gehabt zu haben. Und ich habe viele Jahre darunter gelitten. Gerade, als es in der Grundschule irgendwann los ging, dass man sich schöne Kleidung kaufte und dass man so mit 11 bis 12 Jahren anfing, mit einer Freundin shoppen zu gehen. Meine Freundinnen waren immer schlank, ich war immer die dickste in der Klasse und ich war dadurch auch immer eine Außenseiterin. Während meine Freundinnen noch immer in der Kinderabteilung kauften, musste ich in der Erwachsenenabteilung gucken, denn Größe 176 passte mir schnell nicht mehr. Vielleicht ist auch das der Grund, wieso ich nie großen Wert auf Mode legte. Weil mir das, was man unter „Mode“ verstand, nie passte. Gerade nach dem Wechsel auf das Gymnasium begann das Mobbing. Plötzlich wurde es wichtig, dass man einen mag. Und mich mochte man eben nicht. Ich war ja dick. Herrje, ich erinnere mich noch daran, wie man misch schubste und im Winter mit Schneebällen abwarf. Ich erinnere mich aber auch daran, wie ich auf dem Eis hinfiel und ein damals guter Freund mich vor den „bösen Jungs“ verteidigte, ihnen sagte, ich könne ja nichts dafür und mir aufhalf … und dann mit Schneebällen auf sie warf.
Mit Jungs verstand ich mich sowieso besser. Ich will nicht fies sein, aber die waren halt irgendwie noch nicht so weit. Denen war es noch egal, wie Mädchen aussahen. Da zählte auch der Charakter noch – und die langjährige Freundschaft seit dem Kindergarten. Naja, aber auch das änderte sich schnell. Die ersten kamen zusammen. Und ich? Naja, ich war die Dicke. Immer. Mich verfolgte das Mobbing bis in die Oberstufe, die Freunde wurden weniger. Sicherlich wurde mir nicht mehr ins Gesicht gesagt, dass ich dick oder hässlich sei, aber sie redeten hinter meinem Rücken – und das tat eigentlich noch mehr weh. Und das tut auch noch immer weh. Ich bin froh, dass die Schulzeit vorbei ist. Es gab viele in meiner Stufe, bei denen ich dachte, ich würde mich gut mit ihnen verstehen, hätte so etwas wie Freunde. Aber hintenrum wurde gelästert. Diejenigen, die ich wirklich zu meinen Freunden zählen kann, die auch damals nicht über mich und meine Figur gelästert haben, kann ich heute an einer Hand abzählen. Wirklich Kontakt habe ich noch zu zweien. Das ist nicht leicht, denn so hat man auch niemanden, der einen bei Vorhaben unterstützt.

Meine gesamte Jugend über hatte ich ein Brett vor dem Kopf. Vielleicht nicht mal ein Brett, aber eine Blockade. Ich habe mich geweigert, abzunehmen. Einfach aus dem Grund, dass mir alle gesagt haben, dass ich abnehmen muss. Meine Eltern, Ärzte, Mitschüler, deren Eltern, … Ich habe es gehasst, wenn mir jemand versuchte vorzuschreiben, was ich zu essen habe. „Ist das wirklich gut?“ „Musst du das jetzt essen?!“ JA! Ich musste. Denn jeder Versuch, abzunehmen scheiterte und jedes mal scheiterte es daran, dass andere Leute wollten, dass ich abnehme. Ich wollte denen nicht gerecht werden. Die Menschen, die schlecht über mich geredet haben, sollten mein Leben nicht beeinflussen. Also habe ich es gelassen und weiter gegessen. Und die Menschen haben weiter geredet und mich kaputt gemacht.

Anfang Mai / Ende Mai / Anfang Juni / Ende Juni

Jetzt, wo ich alleine lebe und kaum Freunde habe, gibt es niemanden mehr, der mich so sehr beeinflusst, als dass es mich verändert und mein Denken steuert. Schon Anfang des jahres hat es klick gemacht und die Blockade hat sich gelöst. Und wirklich verschwunden ist sie als das Team von Weight Watchers mir schrieb und mir die Probemitgliedschaft schickte. Ich kann nicht oft genug sagen, wie dankbar ich bin. Trotzdem gibt es da ein Problem:

Ich startete im Mai mit ca. 85 Kilogramm. Ein ordentliches gewicht und nur 15 Kilogramm von der 100 entfernt. Das ist viel. Das ist verdammt viel und es ist vor allem zu viel. Nun bin ich auf 77,7 Kilogramm. Das ist immer noch viel. Aber es ist weniger und es sind vor allem ca. 7 Kilo, die ich ganz alleine und ohne Hilfe abgenommen habe. Plötzlich passe ich in Shirts der Größe M! Das konnte ich das letzte Mal behaupten als ich 14 war. Wenn überhaupt! Selbst Hosen in 42 passen mir nun zum Teil. Das ist grandios und das Wissen darum stärkt ungemein. Aber das Problem bleibt: ich sehe es nicht. Die Menschen sprechen mich an und sagen, ich sei schmaler geworden, doch ich stehe vor dem Spiegel, sehe mich an und denke mir „Wo?“. Ich schaue mir Fotos an und ich erkenne keinen Unterschied. Vielleicht ist hier und da ein bisschen weniger, aber ich kann mir selbst nicht erklären wo die 7 Kilo hin sind. Ich habe sogar nachgemessen. Und selbst da sehe ich keine Veränderung. Vielleicht messe ich in der Tat falsch, aber ich weiß auch nicht, wie ich es richtig machen kann. Das ist schade und das macht ich selbst ein wenig fertig. Weil ich gerne die Veränderung sehen würde, weil ich gerne zu den Menschen meiner Vergangenheit sagen möchte „Ihr könnt mich mal! Seht ihr das? Das habe ich alles alleine geschafft! Und niemand von euch hat an mich geglaubt!“ … denn das hat kaum jemand.

Puh. Das musste alles mal raus. Und auch, wenn manche vielleicht einer anderen Meinung sein werden: ich finde, dies ist der richtige Ort dafür. Weil ich weiß, wer den Blog unter anderem liest und wer meine Veränderung mitverfolgt. Ich hoffe, dass sich auch die letzte Blockade irgendwann lösen wird, ich meinen Erfolg sehe und mich selber schön finden kann.

Previous Post Next Post

8 Kommentare

  • Antworten Katja momentaufnahmen 13. Juli 2014 um 08:42

    Super Post, Wahre Worte 🙂
    Ich verstehe dich sehr gut, ich bin auch immer ''dick'' gewesen. Jetzt schaue ich zurück und denke mir, ich war garnicht so dick.
    Auf jeden fall habe ich die letzten 2 Jahre echt zugenommen, und hab jetzt wieder 12 Kilo abgenommen und bin so stolz darauf 🙂
    Dir alles gute und Kopf hoch!!

    Du bist eine wunderhübsche junge dame <3

    Liebst, Katja

  • Antworten Miriam :) 13. Juli 2014 um 09:01

    Ich wünsche dir von Herzen, dass Du die Veränderung auch sehen kannst, die nicht zu übersehen ist. Und manchmal sind wenige tolle Freunde auch der viel größere Reichtum für einen selbst – mir geht es in der Beziehung ähnlich wie dir.

  • Antworten Christina 13. Juli 2014 um 13:44

    Meine Liebe, man sieht es selbst immer als letztes. Und wenn es nur die Klamotten sind, die dir beweisen, dass tatsächlich etwas passiert ist: Freue dich daran und nimm es als Motivation.
    Vergleich doch mal das Bild Januar mit Juni – dein Gesicht ist viel schmaler!

    Deine Geschichte kommt mir sooo bekannt vor, ich war selbst IMMER dick und habe dann (nach der Schule und allem) 40 Kilo abgenommen. Und irgendwann hab selbst ich es gesehen. Die Zeit kommt! Ich wünsch dir noch viel Erfolg und verfolge deinen Fortschritt weiterhin! 🙂

    LG
    Christina

  • Antworten Larissa&Michelle 13. Juli 2014 um 16:49

    Klasse Post! Ich finds toll, dass du so ehrlich und offen mit deinem Gewicht umgehst! Du kannst stolz auf die 7kg sein und auch wenn du es nicht selbst siehst, 7Kilo sind 7Kilo und die sind weg! Ich wünsche dir viel Erfolg auf deinem weiteren Weg und hoffe, dass du irgendwann zufrieden mit dir und deinem Körper sein kannst 🙂

    Liebste Grüße,
    Michelle

  • Antworten Luft Molekül 13. Juli 2014 um 18:09

    Ich wünsche dir alles gute und viel Erfolg! Ich finde es gut, dass du dich nicht von anderen beeinflussen lässt und deinen eigenen Weg gehst. Letztendlich machst du das ja für dich und nicht für die anderen. Dass sowas aber in einer Blockade geendet ist, ist schade. Wenn diese nun weg ist, umso besser. 😉

    Ich kenne aber auch das Problem, dass man Veränderungen nicht immer an sich sieht. Das ist normal, kommt aber bestimmt. Einfach am Ball bleiben, dann wird das schon. 😉

    Liebe Grüße, Nadine

  • Antworten Ina 15. Juli 2014 um 20:47

    ein schöner und sehr ehrliches post von dir! dankeschön!
    ich denke du bist auf dem allerbesten weg und solange du dich gut mit WW fühlst ust es doch wunderbar!

    Ich glaube ich verstehe was du meinst,.. hast du es mal mit ganzkörperaufnahmen probiert? Bei vielen sieht man die gewichtsabnahme im gesicht nicht wirklich (vorallem wenn man lacht) aber eben am körper und wenn man das dann mal wirklich nebeneinander legt siehst es vielleicht auch du!

    ich drück dir die daumen, dass es weiterhin so gut läuft 😀 und ich freu mich, dich auf der blogst kennenzulernen 😀

    (Das neue design ist wunderschön!)

  • Antworten Anonym 16. Juli 2014 um 06:05

    Ich finde, dass du wunderbar aussiehst. Und das sage ich jetzt nicht nur so, sondern weil ich es so meine. Ich bin stolz auf dich und auf das was du geschafft hast. Es ist nicht einfach durch das alles so durchzukommen, ich glaube die letzten Jahre haben dich sehr mitgenommen und von dem, was du mir auch so manchmal erzählst, kann ich nur sagen, dass ich froh bin, dass du weitergekämpft hast. Auch wenn es nicht leicht war. Sieh dich an: du bist kein Mädchen mehr, du bist eine unabhängige, wunderschöne Kämpferin, eine junge Frau. Und ich hoffe, dass du auch weiterhin so viel Mut und Kraft aufbringen kannst, bis du zu deiner persönlichen Zufriedenheit findest. Ich wünsche dir nur das beste <3

    Ani

  • Antworten Franzi 16. Juli 2014 um 08:02

    Als ich vor ein paar Jahren mal 12 Kg abgenommen hatte habe ich das auf denm Weg dort hin auch nicht immer gesehen. So nach 4 kg bemerkte ich eine Weie "oh jaaa – das passt und hier kann ich eine größe kleiner nehmen", aber kurze Zeit später sah ich die veränderung gar nicht mehr. Nicht daran verzweifeln… alleine die Zahl auf der Waage zeigt es doch. So habe ich es mir einfacher gemacht…

    Liebe Grüße
    Franzi

  • Schreibe einen Kommentar zu Ina Abbrechen

    You Might Also Like