Ferngesteuert: Wenn die Depression versucht, die Kontrolle zu übernehmen

veröffentlicht in Kolumne Persönliches am 30. Oktober 2017

Ich habe die letzten zwei Stunden an einem Artikel gesessen. An einem Post, der einen Tag meines Lebens im Detail beschrieben hätte. Und ich habe mittendrin einfach aufgehört. Ich habe den Abend über viel geweint, nachdem ich eigentlich einen schönen Abend hatte. Generell die letzten Wochen. Es gibt vielerlei Gründe dafür. Menschen, Studium, Stress, Arbeit und dieses verdammte Datum! In wenigen Tagen jährt sich mein Klinikaufenthalt ein zweites Mal. Der Aufenthalt in der geschlossenen, psychiatrischen Abteilung des Klinikums. Irgendwie sollte alles raus, aber an einem Punkt konnte ich einfach nicht mehr weiter schreiben. Mir fehlte jegliches Gefühl dafür. Und trotzdem ist es so präsent und macht mir Angst. Angst vor den kommenden Tagen.

Bevor ich anfange: ich weiß, dass einige Familienmitglieder meinen Blog regelmäßig* (*immer) lesen. Ihr Lieben, ich möchte nicht von euch darauf angesprochen werden. Ich möchte nicht, dass ihr mich fragt, wie die Therapie läuft, wie es mir geht und ich möchte auch nicht gefragt werden, ob ich meine Tabletten noch nehme. Nein, ich nehme sie zur Zeit nicht. Seit Juni schon nicht mehr. Aber ich überlege, wieder damit anzufangen. Ich werde euch Dinge mitteilen, wenn ich es für richtig halte und das Gefühl habe, ich müsste und möchte es. Aber ich möchte es einfach derzeit nicht. 

Ich habe lange nichts mehr über meine Depressionen geschrieben. Sie waren einfach nicht präsent. Sicherlich, sie waren da, aber sie waren nun mal nur der kleinste meiner Teile. Mir ging es sehr gut in den letzten Monaten. Ich hatte mal das ein oder andere Tief, aber die Höhepunkte überwiegten. Ich habe wundervolle Menschen näher an mich rangelassen, die mir sehr gut tun oder taten. Ich habe viel unternommen und gearbeitet. Ich habe mich auch einfach sehr viel abgelenkt und hatte gar keine Zeit darüber nachzudenken, welche Verknüpfungen in meinem Hirn nicht geknüpft werden können. Mittlerweile denke ich sehr viel darüber nach. Ich habe noch immer keine Zeit dafür, aber immer wieder verschiedene Gründe. Menschen, Studium, Stress, Arbeit und dieses verdammte Datum! Wie ein Bilderbuch ist mein Aufenthalt in der Psychiatrie präsent vor meinen Augen – in HD und Vollbild. Wie ich mit meinem besten Freund vor meiner Wohnung ankam und die Polizei sowie ein Krankenwagen warteten. Wie er mich zuvor am Deich aufgelesen hatte und mich zum Auto geschleppt hat, weil meine Beine mich nicht tragen konnten. Wie ich mit ihm durch den Hafen gefahren bin und nicht sprechen konnte. Wie die Tür hinter mir ins Schloss fällt, als ich die Abteilung betrete. Wie die Frau mich im Aufenthaltsraum angestarrt hat. Und wie die Tür erst hinter meinem besten Freund und dann hinter meinen Eltern ins Schloss fiel und ich weinend, alleine auf dem Flur der Abteilung stand, kein Mensch um mich herum, gefangen in meinem persönlichen Albtraum und irgendwie verlassen. Wenn ich darüber nachdenke, sehe ich nicht nur die Bilder sondern erlebe auch jeden Schmerz neu. Mir schnürt es den Hals zu. Ich bekomme keine Luft und mein Bauch schmerzt. Ich habe Schmerzen. Ich habe reale Schmerzen, die ich einfach nicht ertrage. Die Leere im Bauch, das Stechen in der Brust, die Atemnot.

Seit einigen Monaten bin ich in Therapie. Ich hatte bisher nur wenige Sitzungen, da ich mich mit meinem Therapeuten darauf geeinigt habe, dass ich mich melde, wenn ich eine Sitzung brauche. Ich brauche zur Zeit wenige. Ich verpasse aber auch ehrlich gesagt oft einfach den richtigen Moment. Meine depressiven Phasen kommen und gehen so schnell, dass ich kaum reagieren kann. Manchmal platzen sie sogar wie ein unerwünschter Gast in meine Höhepunkte. Und wenn ich dann einen Termin habe, geht es mir wieder gut und ich weiß nicht, was ich ihm erzählen soll. Das Problem ist auch einfach: ich weiß, was mir nicht gut tut. Aber es geht mir anscheinend noch nicht schlecht genug damit, als dass ich etwas ändern wollen würde. Ich kenne meine Fehler und ich kenne auch die Fehler im Umgang mit anderen. Ich könnte viel ändern, aber ich bin nicht gewillt, aufzugeben. Ich glaube, das hört sich für viele jetzt total verrückt an, aber die Depressionen zwingen mich oft dazu, anders zu fühlen als meine Vernunft es mir rät. Wie eine Marionette übernimmt diese Krankheit immer wieder meinen Kopf. Und ich rebelliere! Zumindest oft. Manchmal weiß ich, dass es wichtig ist, den Depressionen die Kontrolle zu geben und nicht alles in mich reinzufressen. Deswegen schreibe ich jetzt auch diesen Artikel, der vermutlich wirr ist wie sonstwas. Es muss raus. In „Das Schicksal ist ein miester Verräter“ heißt es nicht umsonst: Der Schmerz verlangt gespürt zu werden.

Ich habe mich in den letzten Monaten mit diesem Thema bedeckt gehalten. Weil es mir besser ging. Aber auch, weil ich vieles einfach runtergeschluckt und mit mir selbst ausgemacht habe. Weil ich nicht darüber reden wollte. Jetzt möchte ich es. Es muss raus! Ich bin noch lange nicht über den Berg. Ich habe zwischenzeitlich immer wieder gedacht, dass ich vielleicht gesund bin. Aber ich habe genauso das Gefühl, dass ich gar nicht gesund werden kann. Diese Krankheit ist ein Teil von mir, die mich fast umgebracht hätte. Ich habe jedoch gekämpft. Ich musste erst schreien, um Hilfe zu bekommen, ich musste erst am Ende sein, um eine helfende Hand zu bekommen, aber ich habe einfach nicht aufgegeben. Ja, ich habe in den letzten zwei Jahren immer mal wieder darüber nachgedacht, was gewesen wäre, wenn ich mich dem Abgrund weiter genähert hätte, aber ich habe es nicht getan. Es geht hier nicht um Heilung. Es geht hier nicht um gesund sein. Es geht um Akzeptanz. Ich habe mich mit der Depression angefreundet. Zur Zeit leben wir im Streit und die Erinnerungen, die sie hervorruft, ziehen mir regelmäßig den Boden unter den Füßen weg, aber sie ist nun mal ein Teil von mir. Ob ich will oder nicht. Auch, wenn es mir eigentlich gut tut.

Vor den nächsten Tagen habe ich Angst. Große Angst. Ich habe jetzt schon Fluchtpläne entwickelt, meine Mitbewohnerin eingeweiht und mir Szenarien überlegt, wie ich der Gefahr am besten ausweiche. Meine Depression ist an diesen Tagen wie die Gruselclowns zu Halloween, die hinter einer Ecke auf dich lauern, um dich anzugreifen. Und ich entscheide, um welche Ecke ich gehe. Manch einer mag es verrückt halten, dass ich mir so viele Gedanken darüber mache und eins sei denjenigen gesagt: ich will das nicht! Ganz sicher nicht. In meinem Kopf spielen sich Szenen ab, die so niemals in einen Film von mir kommen würden. Es passiert einfach, ohne dass ich etwas dagegen tun kann. Das ist ein Symptom dieser Krankheit, dass ich nicht selbständig denken kann und mein Kopf rotiert, ich plötzlich ohne ersichtlichen Grund heule, Angst habe, eine Panikattacke bekomme oder mich unwohl fühle. Das ist ein Symptom, das mich in die Knie zwingt und ich kann nur hoffe, dass zumindest die Personen, die von diesem Problem wissen, in den kommenden Tagen auf mich Acht geben, wenn ich selbst dazu nicht in der Lage bin. Wenn es Situationen gibt, in denen mein Kopf aussetzt. Wenn diese kleine Hexe versucht, die Kontrolle zu übernehmen. Nicht mit mir! Ganz ehrlich: ich habe keine Lust zu kämpfen und es ist so furchtbar mühselig, wenn andere fragen, wieso ich schlecht drauf bin oder ob sie was falsch gemacht hätten. (Nein, habt ihr nicht. Mir geht es nur nicht gut. Dafür brauche ich manchmal keinen Grund. Dafür habe ich diese Krankheit.) Ich habe keine Lust, zu kämpfen, aber ich tue es trotzdem. Es ist anstrengend, aber es ist notwendig. Ich ziehe mir so viel Energie aus schönen Momenten, Ausflügen und der Zeit mit meinen Freunden. Ich könnte eigentlich zufriedener nicht sein. Aber moah! Ich muss mal ausfallend werden: Depression ist eine Bitch! Ich hasse sie. Sie führt sich auf wie eine Furie, gegen die ich mich wehren muss. Und wenn irgendjemand mal eine Möglichkeit erfindet, dass dies nicht mehr nötig ist und ich in Frieden mit ihr leben kann: sagt mir doch bitte Bescheid.

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