Manchmal muss erst etwas passieren, bevor man versteht, dass es an der Zeit ist, etwas zu ändern

veröffentlicht in Depression Persönliches am 18. März 2015

Manchmal kommt alles auf einmal und manchmal ist das meiste davon gar nicht geplant. Mit der Zeit habe ich verlernt, an Zufälle zu glauben, irgendwie ist es Schicksal und so schreibe ich diesen Post heute nicht, weil es geplant war sondern weil eins zum anderen kam.

Im letzten Jahr ging bei Twitter der Hashtag #notjustsad rum, bei dem User über ihre Depressionen schrieben. Das Ganze schlug eine riesige Welle. Viele, die bereits diagnostiziert depressiv waren, haben von ihren Erlebnissen berichtet und Mut gemacht, andere einfach mitgeschrieben, weil sie merkten: hej, die denken so wie ich. Und so auch ich. Ich habe schon lange überlegt, einen Blogpost dazu zu verfassen und als sich Anfang der Woche einige Ergebnisse überschlugen und ich plötzlich wieder Panik bekam, in ein Loch zu fallen, kam mir wieder der Gedanke. Dann startete ebenfalls Jana Seelig, die auch Initiator von #notjustsad war, den Hashtag #ichbin. Ein Hashtag, unter dem man sich selber Komplimente machen sollte, seine Positiven Eigenschaften herausstellen. Ich glaube, am meisten angesprochen hat mich Nik, der schrieb »#ichbin #notjustsad«.

Der Gedanke darüber zu schreiben wurde stärker und ich setzte es mir auf die ToDo Liste. Und dann bekam ich heute einen Anruf von meiner Mutter.

Ende 2013 ging es mir sehr schlecht. Einige von euch haben es über Twitter oder auch persönlich verfolgt. Mich haben die damaligen Vorkommnisse sehr mitgenommen und heruntergezogen. Ich hatte nicht einfach nur ein Tief, ich war in einem wirklich tiefen Loch. Es ging so weit, dass meine Eltern sich massiv Sorgen machten, mich sogar zurück nach Hause holen wollten und in eine Klinik schicken wollten. Was mir damals beruflich passierte geht auch auf keine Kuhhaut, wie mit mir umgegangen wurde, war unter aller Sau, aber sicher nur der Auslöser für all das, was dann folgte. Ich hatte sogar Angst um mich selbst. Ich hatte wirklich große Panik, dass ich mir selbst etwas antun könnte. Ich habe zunächst mit niemandem geredet. Es war mir sehr peinlich und das ist es noch heute. Mit mir als Person haben viele Menschen immer etwas Negatives verbunden. Ich habe mir viel anhören müssen und trotzdem ich immer versucht habe, allen Ansprüchen zu genügen, hat es gerade in der Schulzeit nicht geklappt. Mobbing und Ausgrenzung waren an der Tagesordnung. Und ich wollte den Menschen nicht noch einen Grund geben, negativ über mich zu reden. Nicht, weil ich zu schwach war, mit mir selbst klar zu kommen. Und trotzdem war ich irgendwann so weit, dass ich mich selbst fast komplett aufgab und im Leben keinen Sinn mehr sah. Ich hatte ständig eindeutige Gedanken, bin bei der kleinsten Sache zusammengebrochen, lag teilweise stundenlang auf dem Küchenboden und habe geweint. Ich war nicht traurig, ich war einfach leer. Die Leere und die Sinnlosigkeit, die ich im Leben sah, haben mich aufgefressen. Aber irgendwie habe ich es geschafft. Ich denke, es war der Moment, in dem mein Vater angefangen hat, für mich zu entscheiden. Und ich einfach wusste: das bist nicht du. Das sind nicht deine Entscheidungen und das ist kein Weg, den du gehen möchtest. Ich hatte doch Pläne, Träume und Wünsche. Ich habe angefangen zu kämpfen.
Und heute rief meine Mama an und teilte mir mit, dass jemand aus unserem engen Bekanntenkreis keine Kraft mehr hatte, zu kämpfen. Ich finde dazu keine Worte. Es war eine Person, mit der ich meine frühe Kindheit verbracht habe und quasi die ersten Jahre meines und vor allem seines Lebens aufgewachsen bin, mit der ich aber in den letzten Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Und trotzdem nimmt es mich sehr mit. Nicht einmal unbedingt, weil eine enge Bindung bestand, aber weil ich das Gefühl habe, ihn zu verstehen. Ich habe das Gefühl, genau zu wissen, wie er sich gefühlt hat. Sicherlich bleibt es bei dem Gefühl. Ich kann es nicht wissen und ich werde es auch nie erfahren, aber ich verstehe ihn. Irgendwie.
Ich habe die letzten Stunden viel nachgedacht, viel geweint und wusste nicht recht, wohin mit mir. Als damals #notjustsad lief, habe ich schon wieder in einem Loch gesteckt, dachte darüber nach, mit Hilfe zu suchen und eventuell alles aufzuarbeiten. Bei dem Gedanken blieb es. Und auch Anfang dieser Woche, als ich wieder Angst hatte, abzurutschen blieb es bei leeren Worten mir selbst gegenüber. Ich habe ja alles! Ich habe ein tolles und glückliches Leben, kann nicht klagen, habe tolle Freunde und bin materiell wunschlos glücklich. Aber auch hierzu fand Jana die richtigen Wort:

Nach dem Anruf meiner Mama, habe ich mich unfassbar hilflos gefühlt. Es war im wahrsten Sinne des Wortes fassungslos. Und ich kann mit meiner Trauer mit Sicherheit nur einen Bruchteil der Trauer nachempfinden, die die Familie – bei denen meine Gedanken seit Stunden sind – empfindet, aber ich möchte nicht, dass meine Familie und Freunde dieses Gefühl je erleben müssen. Und deswegen werde ich mir Hilfe suchen. Mir geht es zur Zeit sehr gut, das muss ich sagen, aber so ein Loch kann immer mal wieder kommen und es gibt einiges Aufzuarbeiten. Und deswegen werde ich einen Termin machen. Mir ist es sehr unangenehm, das zu sagen und ich habe Angst vor den Reaktionen. Ich habe wirklich große Angst, Menschen damit abzuschrecken oder gar einen Anlass zu geben, mich wieder zu mobben oder auszulachen, aber ich möchte jeden, der ähnlich fühlt, dazu ermutigen, sich auch Hilfe zu suchen. Du bist nicht alleine! Auch, wenn du dich so fühlst, wenn alles Berg ab geht: du bist niemals alleine. Vergiss das nicht!

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1 Kommentar

  • Antworten Anonym 27. Mai 2015 um 21:10

    Du bist total mutig, ein echtes Vorbild und einfach klasse! Danke das es dich gibt.
    LG Birgit aus Hessen

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