Depressionen – Eure Fragen, meine Antworten

veröffentlicht in Depression Kolumne Persönliches am 13. April 2018

Nachdem ich meinen letzten Zusammenbruch auf meinem Instagram Kanal begleitet habe, waren die Stimmen sehr unterschiedlich. Überwogen haben jedoch die positiven Reaktionen, die Fragen und unfassbare Unterstützung, für die ich noch immer sehr dankbar bin. Da ich gemerkt habe, dass es noch immer viel Unwissenheit gibt, möchte ich heute einige eurer Fragen beantworten.Natürlich bin ich keine Ärztin und für einige eurer Fragen musste ich mich selbst erst einmal einlesen. Auch schreibe ich aus der Sicht EINER Betroffenen. Jeder Krankheitsverlauf ist anders und so kann ich nur Tipps auf Basis meiner eigenen Erfahrung und dem Wissen, welches ich mir in den letzten Jahren angelesen habe, geben. Generell gilt, wenn ihr euch selbst nicht gut fühlt, auf euren Körper und eure Seele zu hören. Das zu tun, was euch gut tut – aber dafür muss man kein Experte sein. Nun aber zu euren Fragen …

Wie gehe ich als Angehörige/r damit um und wie helfe ich?

Ich selbst bin nicht nur selbst betroffen sondern habe auch einige Bekannte in meinem Umkreis, mit denen ich lernen musste umzugehen. Jeder Mensch mit psychischen Problemen braucht etwas anderes. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gut ist, zu fragen und die Hilfe anzubieten, jedoch nicht aufzuzwingen. Ich kann beispielsweise Hilfe nur schwer annehmen, auch wenn ich sie brauche. Ich stoße dann lieber jemanden von mir, um die Person zu schützen. Nehmt es nicht übel, wenn eure Hilfe abgewiesen wird. Wenn sie wirklich gebraucht wird, wird die Person es dich merken lassen, so habe ich es zumindest erfahren. Fragt aber auch ruhig nach ein paar Tagen nach, ob alles okay ist. Wichtig finde ich jedoch auch, dass man sich selbst schützt. Wenn ihr das Gefühl habt, nicht damit zurecht zu kommen, dann zwingt euch nicht, zu helfen und versucht, die Person nicht wegzustoßen. Manchmal hilft es schon, einen Kontakt zu vermitteln, wenn man selbst nicht helfen kann. Und wenn es einen selbst zu sehr belastet, sollte man sich selbst auch Hilfe oder zumindest einen Gesprächspartner suchen. Es braucht Zeit, Feingefühl, Kraft und Mut, jemandem mit Depressionen in einer schweren Phase zu helfen. Es kann auch nicht schaden, die örtlichen Anlaufstellen zu kennen. Einige Möglichkeiten findet ihr bei der Deutschen Depressionshilfe.

Wie stehst du zu chemischen Medikamenten?

Ich war früher großer Gegner davon. Ich hatte Angst, dass sie mich verändern und zu einem anderen Menschen machen. Nachdem ich jedoch mit einem Zusammenbruch in der Klinik gelandet bin, habe ich mich doch dazu entschieden, zum Psychiater zu gehen und mich beraten zu lassen. Knapp ein dreiviertel Jahr habe ich dann Citalopram genommen. Ich musste lernen, dass mich Antidepressiva nicht verändern sondern unterstützen und dabei helfen, dass der Serotoninspiegel nicht rapide abfällt sondern einfach auf einem normalen, gesunden Level gehalten wird. Es ist quasi ein Dämpfer und eine Krücke. Wichtig ist jedoch auch, zu wissen, dass es kein Heilmittel ist. Natürlich muss die Ursache angegangen werden. Citalopram hilft, beseitigt aber keine Depression.

Ich habe das Medikament dann auf Wunsch meines damaligen Freundes abgesetzt – im Nachhinein ein Fehler. Ich war noch nicht bereit dazu. Nach der Trennung habe ich dann auch wieder begonnen zu nehmen und ein weiteres halbes Jahr genutzt, um an mir zu arbeiten und dann auf eigenen Wunsch erst die Dosierung verringert und dann komplett abgesetzt. Der zweite Anlauf war die richtige Entscheidung und ich hatte keinerlei Nebenwirkungen durch das Absetzen. Ich habe mich danach auch nicht wieder zum Schlechteren entwickelt sondern bin konsequent auf einem guten Level geblieben. Citalopram verhindert auch traurige Phasen nicht, aber ich hatte das Gefühl, dass es diese zumindest erträglicher macht. Jeder Mensch ist mal traurig und ich finde, das muss auch so sein. Die Phasen habe ich auch ohne Medikamente noch immer. Ich sehe aber deutlich schneller wieder klar und kann mich selbst aus dem Loch manövrieren, weil ich gelernt habe, damit umzugehen. Um an diesen Punkt zu kommen, brauchte ich die Medikamente aber, um klarer zu sehen. Ich möchte mich weder pro noch contra zu chemischen Mitteln aufstellen. Ich finde, dass sie sehr gut helfen können, jedoch nur, wenn man auch bereit dazu ist.

Warum nimmst du keine chemischen Medikamente?

Trotz des Zusammenbruchs vor kurzer Zeit habe ich mich bewusst dagegen entschieden, wieder Antidepressiva zu nehmen. Zum einen war ich akut in einem Zusammenbruch und Citalopram hilft nicht von jetzt auf gleich, zum anderen wollte ich nicht wieder ein halbes Jahr an Medikamente gefesselt sein. Man geht davon aus, dass der Wirkstoff nach zwei bis vier Wochen merkbare Ergebnisse zeigt. Das war mir einfach zu lange. Um einen messbaren Erfolg zu erzielen, muss es dann aber auch ca. ein halbes Jahr eingenommen werden – so wird es jedenfalls empfohlen. Das wollte ich einfach nicht. Ich wollte stark sein und die Kraft, die ich in den letzten Monaten erlangt habe, nutzen. Und ich bin sehr froh darüber. Ich habe mich im Gegenzug aber nach homöopathischen Mitteln erkundigt. Ganz ohne Hilfe ging dann doch nicht. Von Homöopathie kann man halten, was man will, aber mir haben die Mittel als Kind schon geholfen, als ich mir darüber noch keine Gedanken machen konnte und es gibt durchaus auch messbare Erfolge in dem Bereich. Anfangs habe ich Bachblüten genommen, anschließend Sepia. Lasst euch am besten in der Apotheke beraten. Es gibt auch noch andere Mittel und bei der Homöopathie kommt es auch viel auf Körperbau und Seele an. Ein Mittel, welches eine zierliche Frau unterstütz, hätte mir wohl nicht geholfen. Schön finde ich auch den Gedanken, der dahinter steht: Homöopathie ist nicht gegen etwas sondern für eine bestimmte Heilung. Selbsterfüllende Prophezeiung und so. Wenn man allerdings gar nichts davon hält, ist das auch okay. Dann gibt es andere Wege. Fragt dazu einen Arzt. Auch der kann Mittel empfehlen, die nicht direkt die große Keule rausholen.

Wie funktionieren homöopathische Mittel?

Hier musste ich besonders recherchieren und bin noch immer nicht wirklich ganz im Bilde. Ich möchte aber einen Überblick geben, was ich verstanden habe. Homöopathie ist eine sanfte, ganzheitliche Methode, um die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren. Es wird ein Reiz gesendet, auf den der Körper reagiert. Es wird also nicht gegen die Symptome gearbeitet sondern für die eigene Kraft des Organismus. Ebenso wird mit dem Ähnlichkeitsprinzip gearbeitet. Stoffe, die bestimmte Symptome bei Gesunden auslösen können, lindern diese bei eben jenen, die die Symptome bereits haben – so hat es zumindest Dr. Samuel Hahnemann erforscht. Wer ganz genau Bescheid wissen möchte, sollte jedoch bitte einen Arzt fragen oder sich in Fachliteratur einlesen.

Was kann ich tun, wenn ich selbst das Gefühl habe, dass es mir nicht gut geht?

Wichtig ist, immer das zu tun, was einem selbst gut tut. Hör auch deinen Körper und lass dir auch nicht von anderen reinreden. Sicherlich ist es gut, sich Hilfe zu suchen und mit jemandem darüber zu reden, der sich auch auskennt. Wenn du jedoch alleine sein möchtest und es dir hilft, dann ist das absolut okay. Ebenso ist es kein Zeichen von Schwäche, zu Weinen oder zum Beispiel eine Aufgabe, die man hat, aufzugeben. Es zeugt von Mut, den Symptomen Raum zu geben. Ich selbst empfand es als wichtig, meine Liebsten wissen zu lassen, dass es mir nicht gut geht, aber auch klar zu sagen: ich will, dass ihr es wisst, aber ich will gerade keine Hilfe. Ich will nur nicht alleine sein. Mir wurde oft angeboten, zu reden. Dabei wollte ich nur schweigen. Und das habe ich dann manchmal getan. Einfach jemanden angerufen und nichts gesagt. Mich einfach mit jemandem verabredet und nicht gesprochen. Am schwierigsten ist es, Geduld zu haben, denn das braucht es. Geduld, sich selbst kennenzulernen, sich selbst zu verstehen und darauf reagieren zu können. Nimm dir die Zeit, auch wenn es nicht einfach ist. Und wenn du genügend Kraft hast, das Problem anzugehen, dann nutz die Kraft und geh am besten zu einem Arzt. Auch ein Hausarzt kann erstmal helfen und weitere Anlaufstellen in deiner Stadt nennen.

Wie finde ich einen passenden Therapeuten?

Wichtig ist zunächst, zu wissen, wie man versichert ist. Ist man bei einer gesetzlichen Krankenkasse, so braucht man einen Therapeuten mit Kassenzulassung. Ist man privat versichert, sollte man bei seiner Versicherung einmal nachfragen, da es da kein einheitliches System gibt. Anschließen muss man nach Psychotherapeuten recherchieren. Ich habe damals eine Liste von der psychologisch-therapeutischen Beratungsstelle unserer Hochschule bekommen. Man kann aber auch die Gelben Seiten oder Google durchforsten, die Krankenkasse direkt anfragen oder online bei der Bundes Psychotherapeuten Kammer suchen. Anschließend sollte man mehrere Stellen anrufen und nach einem Erstgespräch fragen. Einige Therapeuten haben sehr kuriose Sprechzeiten. Die sind aber meist auf einem Anrufbeantworter hinterlegt. Ich habe mir damals eine Excel-Tabelle mit den Zeiten und Telefonnummern gemacht und regelmäßig versucht, jemanden zu erreichen. Bei einigen Therapeuten kann man auch aufs Band reden und wird dann zurück gerufen.

Bei verschiedenen Therapeuten einen Termin zu machen ist gerade deswegen sinnvoll, weil es passen muss und viele eine Warteliste haben. Lasst euch auch auf die Wartelisten setzen, so steigert ihr eure Chancen. Wenn ihr jedoch einen Termin habt, nutzt diese, um den oder die Therapeuten/Therapeutin kennenzulernen. Bei einer Verhaltens- oder tiefenpsychologischen Therapie habt ihr fünf Sitzungen „frei“, bevor diese beantragt werden muss. Bei der analytischen Psychotherapie sind es sogar acht Sitzungen – natürlich nur bei den gesetzlichen Krankenkassen. Privat müsstet ihr selbst recherchieren. Die Zeit der Sitzungen sollte man nutzen, um zu schauen, ob man sich wohl fühlt und sich öffnen kann. Es muss passen und niemand nimmt es euch übel, wenn ihr keinen weiteren Termin vereinbart und euch nach einem anderen Ansprechpartner umschaut. Ich war bei drei Therapeuten bevor ich meinen jetzigen gefunden habe. Die eine hat mich Minutenlang einfach angeschwiegen, der nächste hat mich angeschaut wie ein hoffnungsloser Fall und nie gelächelt und Nummer drei ist leider mit der Praxis weggezogen. So kommt es manchmal anders als man denkt, mit der Zeit aber genau so, wie man sich damit wohl fühlt.

Wie bekomme ich einen Therapieplatz?

Wenn ihr einen Therapeuten gefunden habt, bei dem ihr euch wohl fühlt, bringt zunächst in Erfahrung, wie viel Kapazitäten er zur Zeit hat. Das habe ich damals nicht gemacht und dann viel zu lange gewartet. Wenn er Kapazitäten hat, teilt ihm mit, dass ihr gerne die Therapie beantragen möchtet. Der Therapeut wird dann ein Gutachten schreiben, für das ihr vorher noch eine Bestätigung beim Hausarzt einholen müsst, dass ihr krank seid. Dieses Gutachten wird dann von der Krankenkasse geprüft und im besten Falle natürlich genehmigt. Ich habe im November meinem Therapeuten mitgeteilt, dass ich die Therapie gerne machen würde, im März hat er den Antrag gestellt, weil er wieder Kapazitäten hatte und im Mai hatte ich die Bewilligung. Es dauert, aber das Warten lohnt sich. Wenn ihr nicht warten könnt, gibt es in fast allen Kliniken auch akute Anlaufstellen. Nur, weil ihr euch an eine Psychatrische Abteilung wendet heißt das nicht, dass ihr dort in der Geschlossenen Abteilung seid. In der offenen Psychiatrie gibt es teilweise auch die Möglichkeit, ambulant an euch zu arbeiten. Einige Städte haben auch eine Art Tagespflege. Fragt auch hier am besten euren Hausarzt.

Wie sieht eine Therapie genau aus?

Auch dies unterscheidet sich von Theapieform zu Therapieform und von Patient zu Patient. Ich rede viel mit meinem Therapeuten. Oftmals beginnt es nur mit Smalltalk und endet in richtig deepen Shit. Ich gehe nicht immer mit Erkenntnissen nach Hause, aber oft. Dadurch, dass mein Therapeut bei einigen Dingen nachfragt, beantworte ich mir oft Dinge selbst, stelle mein Verhalten in Frage und lerne dazu. Beispielsweise habe ich in der Therapie auch gelernt, dass ich zu sehr versuche, andere zufrieden zu stellen und mich damit vernachlässige. Als ich wegen der Depression krankgeschrieben war, hatte ich Angst, etwas zu unternehmen. Ich war ja krankgeschrieben. Dabei sollte ich in der Zeit ja alles tun, was mir gut tut und zu einer Heilung beiträgt. Und so bin ich zu einem Vortrag gegangen und habe mich unter Menschen gewagt. Dadurch ging es mir besser. Ich hab ja keine Grippe, ich habe eine Depression. Das zu unterscheiden, habe ich in der Therapie gelernt.

Ich bin sehr zufrieden mit meinem Therapeuten und der Therapie. Ihm ist wichtig, keine Lehrbuchmethode anzuwenden sondern so zu arbeiten, dass es mir besser geht. Dementsprechend kann ich auch gar nicht genau sagen, ob ich eine analytische oder tiefenpsychologische Therapie mache. Es ist von allem ein bisschen und genau das richtige Maß, um mir zu helfen. Und dieses Maß muss jeder für sich selbst finden. Wie bereits mehrfach erwähnt: die Therapie ist für euch und soll euch gut tun. Da kann kein Lehrbuch helfen. Da hilft nur, auf sein Bauchgefühl zu hören und zu äußern, was man braucht – auch in der Therapie. Aber als kleiner Trost: ein Therapeut ist darauf ausgebildet, dies zu erkennen. Denn auch das noch selbst zu wissen, ist wirklich nicht einfach.

So. Und damit schließe ich den Post auch. Ich bin sehr happy, dass ihr mir so viele Fragen gestellt habt, dass ein Blogpost entstehen konnte und ich möchte an dieser Stelle noch einmal wiederholen: das sind meine Erfahrungen. Ihr müsst eure eigenen machen. Ich kann euch nur einen Einblick gewähren und hoffentlich ein bisschen die Angst nehmen. Auch ich bin noch nicht am Ende angekommen. Auch ich kämpfe noch und bin froh, dies mit einigen von euch zu tun. Der Austausch, den ich mit dem einen oder anderen von euch hatte, war sehr inspirierend und mutmachend. Auch, wenn es vielen nicht passt, dass ich so öffentlich und ehrlich darüber schreibe – und ja, es ist sicherlich für den einen oder anderen auch ein Trigger –, so ist es doch für mich der richtige Weg, alles los zu werden und so verdammt wichtig, das Thema nicht mehr zu tabuisieren! Ich möchte keine Aufmerksamkeit damit. Es gibt Personen, die es nicht interessiert oder die deswegen sogar über mich lästern. Mir egal. Wenn es nur einen Menschen erreicht, dem ich damit ein bisschen Mut machen kann – und wenn es nur ich selbst bin –, so ist es der richtige Weg.

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