Die Dämonen in meinem Kopf

veröffentlicht in Kolumne Persönliches am 29. September 2016

Eigentlich wollte ich diesen Text nicht veröffentlichen. Oder erst in einem Monat, wenn mein Aufenthalt in der Klink ein Jahr her ist. Aber irgendwie passt es gerade. Es passt alles. Und es passt gar nicht. Ich weiß auch nicht. Ich habe mir vorgenommen, mehr über meine Krankheit zu schreiben, weil sich viele Menschen angesprochen gefühlt haben bei meinen Texten und ich manchmal einfach hoffe, dass ich ihnen damit helfe, dass es ihnen nicht so schlecht geht wie mir.

pexels-photo-39811

Ich saß vor fünf Minuten an genau dieser Stelle. Im Zug. Mal wieder mit Verspätung nach Hause und habe an einem Text über meine Depressionen und Routine gearbeitet. Ich schrieb einen Text nieder dazu, was Sicherheit für mich bedeutet, dass kleine Ticks und Routine mir ein Gefühl von Geborgenheit geben. Ich hatte fast eine ganze Seite voll. Und ich habe sie gelöscht.
Ich bin nun seit fast eineinhalb Monaten in Hamburg und bin an dieser Zeit an meine Grenzen gegangen. Ich nehme seit einiger Zeit wieder Medikamente. Medikamente, durch die ich Kopfschmerzen bekomme und zunehme. Medikamente, die mir helfen, dass es nicht so weh tut. Denn Depressionen sind nicht einfach nur psychische Schmerzen sondern zum Teil auch physische. Ich habe viel über mein Leben nachgedacht in den letzten Tagen und Wochen. Ich habe überlegt, wann all das anfing und wieso es nicht einfach aufhören kann? Ich habe keine Antwort darauf gefunden. Wenn ich überlege, wann es angefangen hat, muss ich sehr weit zurückgehen. Ich glaube nicht daran, dass es erst in den letzten Jahren kam. Ich war schon immer sehr sensibel, habe als Kind oft Heimweh gehabt und hatte Angst davor, meine Eltern zu verlieren. Noch heute mache ich mir viele Sorgen und bin vorsichtig. Aber ich versuche, es nicht mehr zu sein. Ich versuche, nicht der Mensch zu sein, der ich nicht sein möchte, aber zu jedem Zeitpunkt bin. Ein Mensch mit Depressionen. Als psychisch kranker Mensch wird man immer einer Randgruppe zugeordnet. Ich wurde nicht erst einmal als Psychotante beschimpft. Ich kann damit umgehen, weil ich weiß, dass es eine Krankheit ist. Aber ich möchte es nicht akzeptieren. Und jetzt sitze ich hier. Im Zug. Mal wieder mit Verspätung nach Hause und arbeite an einen Text über Identifizierung und Akzeptanz.

Die Depression fühlt sich an wie ein Fremdkörper. Wie ein großes Schild, dass mir auf die Stirn schreibt, dass in meinem Leben viel kaputt ist. Dass ich kaputt bin. Die Depression ist viel zu sehr Teil meines Lebens. Manchmal würde ich gerne einen Schalter drücken, der diese Krankheit für eine gewisse Zeit ausschaltet. Oder für immer. Das wäre schön. Ich würde auch sehr gerne einfach vergessen. Vergessen, dass ich solch eine negative Seite habe. Dass Menschen mich eher negativ als positiv einschätzen, wenn sie erfahren, dass ich eine psychische Erkrankung habe. Ich werde darauf reduziert. Zugegeben: auch ich reduziere mich manchmal selbst darauf. Viel zu oft. Eigentlich immer. Vielleicht sind es sogar nicht mal die anderen, vielleicht bin ich es immer selber. Aber ich wäre gerne anders. Ich wäre gerne ohne. Ohne Depressionen und Zusammenbrüche. Ich finde es so schwer, Hoffnung zu schöpfen und auf Menschen zuzugehen, vor allem aber eine dauerhafte Freundschaft oder Beziehung zu pflegen, ohne dass die Depressionen eine Rolle dabei spielen. Das geht einfach nicht. Manchmal kommt mir meine Depression vor, wie eine schmutzige Affäre, die ich führe. Ein Techtelmechtel. Ich betrüge die Menschen mit meiner Depression, wenn ich ihnen nichts davon erzähle, sie nicht davon wissen lasse, damit sie mich vielleicht besser verstehen und einschätzen können. Aber es ist auch ein großer Hemmschuh. Ich weiß nicht, wer weniger vergessen kann, dass ich so bin und so einen Klotz am Bein trage: die anderen oder ich selbst.

Ganz besonders schwer fällt es mir, neue Menschen kennenzulernen und die Beziehung zu vertiefen. Eine Freundschaft zu entwickeln. Irgendwann wird es ein Thema werden und ich habe große Angst, diese Menschen dann mit einem Schlag wieder zu verlieren. Einer der Gründe, wieso ich ungerne neue Menschen in mein Leben lasse. Entweder ich verletze einen Menschen, den ich an mich ranlasse mit meinen Depressionen oder ich verletze ihn, indem ich ihn nicht an mich ranlasse, um ihn zu schützen. Teufelskreis. Ich habe schon genügend Menschen wegen der Depressionen verloren. Wieso sollte ich diesem Punkt absichtlich entgegen gehen? Die Depressionen sind schmutzig. Eine schlechte Seite. Ich habe schon das ein oder andere Mal Menschen davon erzählt, weil ich das Gefühl hatte, ich müsste es tun, bevor ich sie näher an mich ran lasse. Bevor ich mein Leben mit ihnen teile. Auf freundschaftlicher oder liebevoller Ebene. Und irgendwie ist es jedes Mal das Gleiche. Ich werde angeguckt, als würde ich ihnen erzählen, ich sei ein Junkie oder hätte gerade eine Bank ausgeraubt. Manchmal habe ich das Gefühl, Depressionen werden heutzutage so belächelt wie noch vor ein paar Jahren die gleichgeschlechtliche Liebe. Es ist wie ein Outing. Jedes Mal aufs Neue.

Es ist solch ein großes Thema in meinem Leben. Es hat irgendwann angefangen und ich habe irgendwie das Gefühl, nie wieder daraus zu kommen. Es geht mir gut! Es geht mir in letzter Zeit echt gut, gerade mit der Entscheidung, wieder nach Bremerhaven zu gehen und meine Zelte in Hamburg abzubrechen. Weil ich weiß, dass die Menschen mich dort akzeptieren, wie ich bin und mich manchmal viel besser sehen als ich mich selbst sehe. Aber es fällt mir schwer, genau diese Menschen davon in Kenntnis zu setzen, wenn es mir schlecht geht. Weil ich nicht akzeptieren will, dass ich Hilfe brauche. Weil ich mich nicht damit identifizieren möchte. Ich will es einfach nicht. Ich nehme die beschissenen Medikamente und ich kämpfe, aber wogegen eigentlich? Gegen mich selbst! Und das ist so ein beschissenes Gefühl. Ein Mensch zu sein, der man nicht sein möchte und ständig gegen sich selbst anzukämpfen.

Es sind nur die kleinen Momente. Es ist nicht mein ganzes Leben, gegen das ich ankämpfe. Aber ich kämpfe gegen einen Teil. Gegen die Dämonen in meinem Kopf, die verdammt nochmal keine Miete zahlen! Ich will das nicht. Ich will das einfach nicht. Aber ich weiß auch nicht, was ich noch machen kann. Ich nehme Medikamente, ich habe gute Freunde, ich finde Unterstützung, kann hoffentlich bald eine Therapie machen. Aber es wird mich immer irgendwie verfolgen …

Previous Post Next Post

5 Kommentare

  • Antworten Tanja 29. September 2016 um 20:14

    Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren.

    Bitte immer schön weiter kämpfen!

    Alles Liebe
    Tanja

  • Antworten Hanna 1. Oktober 2016 um 11:18

    Danke für deinen Text !

  • Antworten Andrea 2. Oktober 2016 um 10:49

    Liebe Mareike,
    ich wollte nicht wieder gehen, ohne dir ein paar Zeilen zu schreiben. Ich hatte selbst vor ca. 10 Jahren schlimme Depressionen. 2 Aufenthalte in einer Klinik und Medikamente haben mir geholfen, dass sie jetzt nur noch selten durchblitzen. Verlier bitte nicht die Hoffnung, es kann so viel besser sein und ich wünsche dir von Herzen, dass du das bald auch erfährst.

    Ich hatte zum Glück nie Probleme mit meinem Umfeld. Ich bin immer offen damit umgegangen und bin eigentlich fast immer auf viel Verständnis gestoßen (und auf erschreckend viele Menschen, die auch psychische Probleme haben). Lass dir von niemandem einreden, dass du eine Bank ausgeraubt hast. Du hast eine Krankheit und dich nicht selbst dazu entschieden, depressiv zu sein.

    Ich wünsche dir ganz viel Kraft und bitte nimm die Hilfe an, auch wenn es erstmal richtig scheiße ist, sich damit zu beschäftigen. Aber vielleicht brauchst du dann schon bald keine Hilfe mehr. Ich wünsche es dir.

    LG Andrea

  • Antworten Julia 9. Oktober 2016 um 13:10

    Hallo Mareike!
    Danke für deinen Blog. Es tut immer wieder sooo gut zu sehen, dass man nicht alleine ist. Nachdem ich eine längere Phase stabiler war, bricht gerade durch die Trennung meines Ex-Freundes wieder eine ziemliche Hölle über mir ein. Ich kämpfe trotzdem jeden Tag. Ich finde es dann toll solche Texte lesen zu können. Sie geben mir und bestimmt noch vielen anderen Menschen Kraft. Danke!!

  • Antworten Nadine Uzelino 15. Oktober 2016 um 08:27

    Liebe Mareike!

    So ein immer wiederkehrender und stetiger Kampf ist so sehr anstrengend…Kann dich sehr gut verstehen. Deswegen finde ich es aber auch bemerkenswert, dass du dennoch in der Lage bist, dir selbst zu helfen! Auch wenn es dir vielleicht nicht so vorkommt, ist das ein RIEßEN Schritt in ein sorgenfreieres Leben! Ich weiß selbst wovon ich spreche. Du fällst hin, stehst aber auch wieder auf! Und darauf kommt es an! Ich wünsche dir viel Glück!!

  • Hinterlasse eine Antwort

    You Might Also Like